2014-11-20 | Autumn Leaves 2014 – Tag 1



Garish [a]
                 
Trumpf? Vielleicht beschreibt der Titel des neuen Garish-Albums (Vö: 7.2.2014) ein bisschen den Sieg über sich selbst. Die Band hatte sich 2010, nach mehr als einer Dekade gemeinsamen Musizierens, neu erfunden. "Wenn dir das meine Liebe nicht beweist" war ein überraschendes, vielseitiges, rohes Meisterwerk, von Kritik und Publikum äußerst wohlwollend aufgenommen. Die unbestrittenen Live-Qualitäten hat die Band wie gewohnt auf einer ausgedehnten Tour ausgelebt - gekrönt von einem denkwürdigen Abend im Burgtheater mit Element Of Crime. Trotzdem hat es fast vier Jahre gedauert, bis ein neues, zehnteiliges Werk in den Kasten kam. Der Schaffensprozess stand währenddessen mehrfach kurz vor dem Kollaps. „Trumpf“ beschreibt so gesehen auch den erhebenden Moment, in dem klar wurde, dass es zu fünft doch noch „etwas zu holen“ gibt. Das Resultat sind 40 Minuten dicht gepackter Energie. Das Album hatte im bestmöglichen Sinne eine Kanalisationsfunktion. Die Band als Ganzes ist größer. Sie ist erhaben über jedwede Widrigkeiten, die die Niederungen des Alltags einer Musikkapelle in Österreich zu bieten hat. "Trumpf" ist ein in jeder Hinsicht an die Spitze getriebenes Garish-Album: Gefinkelt und metaphernreich wie eh und je, dezent wütend an der Oberfläche, ironisch bis zynisch im Unterton. Ein Album, das wie immer viel Platz zum Entdecken und Interpretieren lässt; seien es T-Shirt-fähige Zitate oder verschlüsselte Bösartigkeiten. Ein Garish-Album, eben. Das dichteste und intensivste, dass die Band je gezaubert hat und um dessen Live-Umsetzung man sich sich bei einer Band wie Garish keine Sorgen machen muss. Wir freuen uns auf die "trumpfale" Rückkehr auf die Bühne des Autumn Leaves Festivals.



 

Die Höchste Eisenbahn [d]
 
               
 
"Schau in den Lauf Hase" erschien ein ganzes Jahr später als alle noch bei der Veröffentlichung der "Unzufrieden"-EP im Jahr zuvor dachten. Doch dann schleppten Francesco Wilking (Tele), Moritz Krämer, Felix Weigt (u.a. Kid Kopphausen, Spaceman Spiff) und Max Schröder (u.a. Max Schröder & Das Love, Der Hund Marie, Tomte) eine Platte an, die offensichtlich einen an der Waffel hat. Die Platte erinnert an „La Boum“ und an rot-grün-geleuchtete Nachtszenen mit jungen Pärchen auf Mopeds. Man vergisst fast, dass mit Krämer und Wilking zwei klassische Singer/Songwriter an gemeinsamen Songs kritzeln, wären da nicht noch die Texte, die epische Geschichten erzählen von Wahrhaftem und die niemals im Refrain auf hohlen Phrasen rumkauen. Ob es nun bei „Aliens“ um einen verpennten Typen geht, der an einem Vormittag auf dem Weg zum Späti einer Horde Außerirdischer mittels Handy-Videos erklären muss, warum außer ihm plötzlich kein Mensch mehr auf der Erde aufzufinden ist oder ob bei „Egal wohin“ der ganze Brass gegen die kumpeligen Fressen aus der Lebensversicherungs-Werbung raus darf – die vielen Geschichten aus verschiedenen Federn verschmelzen am Ende zu einer bunten Collage. Krämers Welt, Wilkings Welt und die Wilking-Krämer-Welt klingen nach einem gemeinsamen Guss. Viel Liebes-Schmonzette! Viel Dagegen – auch gegen das Dagegen! Von der zerbrechlich-traumschönen Kohleofen-Romantik mit zwei Gitarren, Mundharmonika und befreundeten Gästen wie Judith Holofernes und Gisbert zu Knyphausen, ist man beim poppig-beschwingten Eisenbahn-Style angekommen. Dies ist mit Sicherheit auch dem typisch-trockenen Beatgerüst von Max Schröder und den schier unerschöpflichen musikalischen Fähigkeiten von Multi-Instumentalist Felix Weigt geschuldet. "´allo, das ist die ´öchste Eisenbahn!"

 


Spaceman Spiff [d]

 

                 
Schon auf den ersten beiden Alben ("Bodenangst", 2009 und "und im fenster immer noch wetter", 2011) war schnell klar, dass Hannes Wittmer nicht nur etwas zu erzählen hat, sondern dies auch noch auf ganz besondere Art und Weise kann. Er trägt ein untrügliches Gespür für große Melodien in sich, aber noch viel mehr, für große Texte, die in ihrer Stärke und Ausdruckskraft ihresgleichen suchen. Er gehört zu jenen, die diese poetische Brücke zwischen Melancholie, Ernsthaftigkeit, Glück und ein klein wenig Pathos glaubhaft rüberbringen. Nach einer aufregenden Zeit, hunderten Konzerten und einigen Preisen in den letzten Jahren nahm Hannes Wittmer erstmal eine Auszeit. In Neuseeland hat er "die Ruhe selbst gefunden", die weißen Notizbücher vollgeschrieben und andere Blicke auf die Welt von unten gerichtet. Und von oben, als passionierter Bergsteiger. Dort eben, wo man viel über sich und seinen Blick auf die Welt lernen kann: "Dieser Nebel ist nur Milchglas, und selbst der Ozean ist nur ein großer See." Dort, am Ende der Welt, sind auch die meisten der neuen Songs entstanden. Im Januar 2014 erschien das dritte Album. Es enthält 12 sehr gute Freunde. Oft geht darin die Sonne auf. Manchmal geht sie auch unter. Ab und zu fällt etwas Regen, allerdings langsamer als sonst. Es wird gegen Wände gelaufen, in Löcher gefallen und wieder rausgeklettert. Manchmal ist man am Strand, dann ist es ganz besonders schön, auch mit Sand in den Schuhen. Hin und wieder knallen Schlagzeug und Streicher rein, dann wird es auch mal hymnisch. Meistens bleibt es aber ganz nah bei uns, ganz nah am Ohr. Und egal, wie oft man diese Songs gehört, egal, wie oft man seine Konzerte besucht – eigentlich kann man, wenn man Hannes Wittmer trifft, nicht glauben, dass aus diesem freundlichen, bescheidenen, manchmal auch schwer witzigen jungen Mann diese ernsthafte, tiefe, welthaltige Musik eines Spaceman Spiff kommen soll. Und vielleicht ist es einfach so wie bei Calvin, dem 6-jährigen Titelhelden aus dem Comic Calvin und Hobbes: Er ist nur ein ganz normaler kleiner Junge. Aber manchmal malt er sich aus, ein Astronaut zu sein. Dann reist er zu fernen Planeten und nennt sich Spaceman Spiff.


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